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Jürgens Linientreue
Von admin1 | 6.Februar 2008
Du und ich hatten diese Art Wettstreit untereinander. Um bessere Noten, um größeres Verständnis für die Texte, oder aber einfach um die Anerkennung durch die gestrenge Stasilehrerin Frau Weber. Irgendwann ( „Es begab sich aber zu der Zeit“) mussten wir einen Aufsatz zum Thema „Ein Erlebnis in meinem Leben, das mich in besonderer Weise beeindruckte“ schreiben. Als wir die Aufsätze benotet und zurück bekamen, wurden unsere beiden Beiträge hervorgehoben. Beide wurden vor der Klasse verlesen, Deiner schnitt insgesamt besser ab. Du schildertest die Schönheit der aufgehenden Sonne über der Tagebaulandschaft am Beginn der Frühschicht. Ich beschrieb ein Gespräch mit einem Überlebenden der Bombardierung der Stadt Dresden. Du dichtetest eine Ode an die Herrlichkeit sozialistischer Arbeit, was ich komplett ranschmeißerisch fand. Ich beschrieb Napalmbrand, Tote und geschmolzenes Porzellan. Das Elend der Menschheit, den Krieg.
Das war Politik. Ich war empört über Dich und Deine kalkulierte Linientreue. Das Problem für mich war, das Du anhand der Themenwahl Dich nach ganz vorne Punktetest. Ich hielt meinen Aufsatz für ungleich literarischer und gelungener, warf Dir innerlich sogar Verlogenheit vor, nur darüber reden konnte ich damals mit Niemandem.
(Autor: york)
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