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Als ich heute beim Chinesen war…
Von admin1 | 6.Februar 2008
Ich bin krank. Nichts Ernstes, bloß eine Bronchitis mit Erkältung und so. Naja, jedenfalls Grund genug für mich, meinen Körper heute gegen Mittag, unter akutem Hunger, Schnupfen und extremem-scheiß-Aussehen leidend, zum Tengelmann zu schleppen um dort etwas gesundes einkaufen zu gehen. Eine bunte Gemüsepfanne stand auf meinem Speiseplan. In meinem fiebrigen Kopf spielten sich bereits Szenen ab, in denen sich rote Paprika, Sellerie, Porree, Zucchini und Möhren erfolgreich im Boxkampf gegen Vitali und Vladimir - die Viren in meinem Körper - bewiesen. Meiner baldigen Genesung sollte nichts mehr im Wege stehen.
Als ich glücklich den anscheinend unfreundlichsten Supermarkt ganz Stuttgarts mit allem verlies, was ich zu kaufen geplant hatte, stellte ich plötzlich fest, dass mein Hunger inzwischen zu groß geworden war, um zu Hause nun eine bestimmt einstündige Kochorgie zu veranstalten. Mist. Ich hatte für 23 Euro eingekauft und nun keinen Bock mehr zu kochen. Was tun? Ich brauchte nicht lange überlegen, der China Imbiss zwei Straßen weiter war einfach zu verlockend.
Ich betrat eine andere Welt!
Zunächst dachte ich jedoch, ich würde sie gar nicht erst betreten dürfen. Der Imbiss hatte bereits seit einer Dreiviertelstunde Nachmittagspause. Schüchtern klopfte ich an die nur angelehnte Tür und öffnete sie ein wenig. Ich konnte nichts erkennen, hörte nur wirre, aufgeregte Quik-Laute aus dem inneren des Raumes. Ich öffnete die Tür ein wenig weiter und stellte nach einigen Sekunden, in denen zum einen meine Augen sich an die Umstände im Raum gewöhnen und zum anderen ca. 90%, der größtenteils aus Fett bestehenden Luft, durch die Tür nach draußen entwichen, fest, dass ich mich in einer grob geschätzt 10 Quadratmeter großen Küche befand. Die Nachmittagspause spielte plötzlich keine Rolle mehr. Drei Bedienungen, die sich aus einer noch ziemlich vernebelten Ecke hinter der Tür zu erkennen gaben, ließen ihr Essen stehen und sprangen mir gleichzeitig zur Hilfe. Der eine stand hinter der Theke und wartete sehnsüchtig auf meine Bestellung, die der zweite offensichtlich durch telepathische Fähigkeiten schon voraussagen konnte, denn er begann bereit zu kochen, der Dritte setze den obligatorischen Reiskocher in Gang. Sollte ich gemein sein und gebratene Nudeln bestellen, oder nur ne Suppe?! Nein. Ich entschied mich also für die Nummer 19, die sich von den meisten der anderen ca. 40 Nummern nur dadurch unterschied, dass sie mit Ingwer-Soße zubereitet wurde – und ich hatte mal gelesen, dies wäre ein sehr gesundes Gewürz. Genau das richtige in meiner jetzigen Verfassung. Der 1. der drei Chinesen, der der meine Bestellung aufnahm, lachte mich bei meiner Bestellung „Die Nummer 19, Bitte.“ mit einer Begeisterung an, die durch nichts zu überbieten war, wie ich glaubte. Doch weit gefehlt. Ich hatte bei der Nummer 19 das große Glück, zwischen Huhn und Schwein wählen zu dürfen. „Un odel swei“ fragte mich der immer noch vor Freude überfließende Erste. Was für ein Unterschied zum Supermarkt mit seinen Bedienungen, bei denen man sich am liebsten andauernd für den Einkauf entschuldigt. Ich überlegte kurz und entschied mich dann spontan, aus dem Bauch raus, ganz ohne besondere Gründe für das Huhn. Hätte auch ebenso gut Schwein nehmen können. Aber wie es der Zufall so wollte, fiel meine Wahl auf das Huhn. Und nun geschah es, womit ich vorher nicht rechnen konnte: Die Begeisterung in den Augen des Ersten war nicht mehr zu bändigen. Er lachte mich mit eine Hingabe, Freundlichkeit und vor allem Bestätigung an, das mir zu verstehen gab „Du hast das Huhn genommen, Herzlichen Glückwunsch! Aus einer schier unendlichen Palette von Optionen hast du genau die Wahl getroffen, die dein Leben verbessern wird. Ich freue mich so für dich. Es ist das beste für dich und du hast es verdient. Die Nummer 19 mit Huhn, gerne!!!“ Ich war verblüfft und fühlte mich schon jetzt besser. Auch der Umstand, dass sich dieses Schauspiel in den wenigen Minuten, die ich in der Chinesischen Küche verbrachte, bei einem Kunden der kurz nach mir kam und seine Bestellung aufgab nochmals wiederholen sollte, tat meiner Laune keinen Abbruch. Er hatte die Nummer 22 mit Schwein bestellt, und wurde mit einer ebenso großen Begeisterung in seiner Wahl bestätigt wie ich. Anscheinend wussten die Chinesen genau was richtig für den Einzelnen ist – bewundernswert!
Mein ganz persönlicher Berater, der erste Chinese, (die anderen zwei spielten für mich inzwischen eine klar untergeordnete Rolle) gönnte sich nun eine kurze Essenspause. Er kehrte zurück an seinen Tisch hinter der Tür und schien von seinem Recht der Mittagspause Gebrauch zu machen. Ich weiß nicht was er aß, das eine war sicherlich Reis, das andere irgendein Fleisch mit enorm vielen kleinen Knochen, die er unablässig auf den Tisch neben dem Reisschälchen rotzte, so dass sich inzwischen ein ca. halbes-Hähnchen-großer Haufen angesammelt hatte, aber ich wollte es auch gar nicht wissen. Ich hoffte nur es war nicht die Nummer 19 mit Huhn.
Dann ging es ganz schnell. Der 2. Chinese, womöglich der Bruder des ersten, oder sein Vater, oder aber der Sohn, ich konnte sein Alter beim Besten Willen nicht wirklich einschätzen, füllte ca. 500 g Reis und 200 g Gemüse+Huhu+Soße in eine Aluschachtel, grade soviel, dass der Deckel noch irgendwie zuging, packte das ganze in eine kleine Tüte, grinste mich weltmeisterlichen, jedoch lange nicht die bildlichen 8 Meter 20 im Weitsprung des ersten erreichend, an, überreichte mir die Tüte und sage etwas das wohl „Guten Hunger“ heißen sollte sich aber mehr wie „Bluten Dunkel“ anhörte, worauf ich kurz verunsichert grinste, zahlte und dann, nicht ohne dem Dieter Baumann des freundlichen Lach-Sports, der immer noch seinem Essen zugetan war, ein breites Grinsen und ein ebenso freundliches „Bluten Dunkel“ zugeworfen zu haben. Ich verließ den China-Imbiss.
Zu Hause angekommen schaffte ich es ungefähr die Hälfte der Portion auf den größten mir zur Verfügung stehenden Teller zu packen, setzte mich dann hungrig und zufrieden an meinen Tisch und begann zu essen. Es war vorzüglich, ich fühlte mich von der Ingwersoße sogleich gestärkt und ich spürte die Vladimirs und Vitalis förmlich noch in den ersten Runden zu Boden gehen. Es war ein grandioser Sieg.
…Als ich nach dem Essen alles was ich in der China-Frisöse angehabt hatte in die Waschmaschine steckte, und es ist nicht wenig, wenn man sich als Kranker im Winter gegen Kälte schützen will, dachte ich nochmals kurz über das hinter mir liegende Essen nach – es war wirklich gut gewesen, nur die dunklen, festen Huhnstreifen waren etwas durchzogen gewesen, und sie hatten eigenartigerweise etwas nach Rind geschmeckt… Naja, bei so einer Erkältung ist halt nichtmals mehr auf die eigenen Geschmacksnerven Verlass. Ich hoffe, es geht mir bald besser….
Tim
... | Kategorie Erzählungen | Trackback: URL/trackback
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